Real McKenzies Interview - Siggi rückt Paul mit ein paar Fragen zu Leibe
Zuerst war ich zugegebenermaßen doch etwas kribbelich, weil ich so ganz in Eigenverantwortung noch nie ein Interview gemacht hab und dazu dann noch mit jemanden, der nich meiner Sprache mächtig ist. Normalerweise kann man der Nervosität ja entgegenwirken, indem man sich ne gehörige Portion Mut antrinkt und dann geht das mit dem Englisch meistens auch fast wie von alleine…Aba ich hatte mal wieder die ungnädige Aufgabe unseren Kahn später wieder sicher in den heimischen Hafen zu lenken und so saß ich dann mit unkontrolliert wippenden Knien im Biergarten vorm Altenberg und nippte hier und da mal an nem Gerstensaft. Schließlich gesellte sich Paul zu mir und entpuppte sich dann doch tatsächlich als very charming Guy. (Zwischendurch schaute auch mal der Rest von der Band vorbei und amüsierte sich königlich über einen von mir mitgebrachten Scotsmen Katalog, in dem man allerlei schicke Kilts plus Zubehör bestellen konnte…) Aber zur Sache:
Siggi: Ihr habt gestern Abend in Berlin gespielt?
Paul: Ja, im Wild At Heart. Sie haben live Aufnahmen gemacht und bringen ein neues Album raus. Dafür haben sie von jeder Band einen Song aufgenommen. Am Anfang hatten wir noch einen guten Sound, aber dann tropfte mir der Schweiß nur so ins Mikro und es wurde mieser und mieser. Scheiße aber auch!
S.: Ihr Jungs kommt ja aus Vancouver. Seid ihr eigentlich lieber auf Tour oder zu Hause am heimischen Herd?
P.: Ja, wir leben in Vancouver. Ursprünglich kommt meine Familie aus Inverness in Schottland. Da gibt es eine Menge McKenzies. Es ist quasi McKenzie Territorium. Wenn du dir die Clan Karte ansiehst, ist es in riesiges Gebiet. Aber natürlich gibt es Zeiten, wenn ich einfach nur auf meinem Bett liegen will, mir Klassische Musik anhöre, den ganzen Tag Rotwein trinke und eine nette außerkörperliche Erfahrung nach der anderen habe. Aber eigentlich ist Touren mein Leben und mein Ziel und wenn wir ein Album rausbringen und die Tour 8 oder 9 oder 10 Monate dauert, dann ist das eben so! Und kein Gejammer dabei! Manchmal denke ich zwar, mein Lifestyle löst mich in meine Bestandteile auf, aber dann denke ich wieder: Kein Gejammer! Und gehe einfach wieder an die Arbeit.
S.: Habt ihr eigentlich normale Jobs, wenn ihr gerade nicht tourt?
P.: Ja, hatte ich. Aber jetzt ist eben die Band mein „normaler Job“. Und zwischen den Touren ist Arbeit ziemlich knapp. Viel Konkurrenz. Gerade in den Bereichen, in denen ich eine Ausbildung habe, gibt es viel davon und ich bin einfach schon zu lange raus aus dem Geschäft. Wahrscheinlich habe ich einfach schon so lange getourt, dass ich veraltet bin. Also muss ich eben nehmen, was an Jobs gerade so kommt. Es gibt da eine Sache, die zwar ziemlich gefährlich ist, aber dafür auch gut bezahlt wird. Ich kann einfach hingehen, den Typen anrufen und am nächsten Tag antreten. Die zahlen 25$ die Stunde – dafür, dass ich an Wolkenkratzern rumbaumel und die Fenster putze.
S.(ungläubig staunend): Fuckin´ Hell! Darüber hab ich letztens einen Bericht im Fernsehen gesehen!
P.: Ja, du musst einfach vorsichtig sein, darfst dir keinen Fehler erlauben und alles ist gut. Aber wenn du verkatert oder besoffen bist, bleib lieber mit dem Arsch im Bett! Wenn du so was machst, such dir ´nen anderen Job… Wenn ich auf Tour bin, steht mir das Bier meist bis Unterkante Oberlippe, aber zu Hause ist es mal ne nette Abwechslung, nüchtern zu bleiben. Ich liebe es zu arbeiten, ich habe eine gute Arbeitsmoral und genau das ist der Grund, warum es die McKenzies gibt. Aber, ja, es ist ziemlich straight, nach Hause zu kommen und für zwei Wochen wieder normal zu sein. Und dann wieder ab in den Bus, you know…
S.: Wie oft seid ihr in Schottland?
P.: Wir fahren so oft wir können hin! Leider hat´s auf dieser Tour nicht geklappt. Aber es steht schon fast fest, dass wir diesen Herbst wiederkommen und dann werden wir auf jeden Fall auch Schottland touren, weil wir es einfach lieben. Meine letzte etwas verschwommene Erinnerung an Schottland ist echt cool, wenn auch etwas albtraumhaft, weil ich in Schottland eingeschlafen bin und in England wieder aufwachte… (S.: uiuiuiuiui!) Also ich kam zu der Show und diese Jungs haben so eine Scheiß-altertümliche Art und da lehnten diese eingekerbten Schwerter an der Wand und als ich zur Tür reinkam, drehten sie sich mit ihren Flaschen in der Hand zu mir um und meinten: „Oh, du musst unbedingt den Scotch von meinem Opa probieren!“ und „Hey man, trink niemals zu viel, aber trink auch niemals zu wenig…“ …Wir lieben Schottland. Meine Fingernägel sind andauernd abgebrochen, weil sie mich da immer wieder rauszerrern müssen! Und sie lieben uns! Die Leute, die die Shows in Schottland machen – Jocko, Shirley und ihr Hund Annie sind einfach großartig, genauso wie ihre Freunde und sie machen es uns dort immer so angenehm wie möglich.
S.: Und was denken die restlichen Schotten so über euch?
P.: Also am Anfang wussten sie nicht recht, ob sie uns auf die Schulter klopfen, oder die Scheiße aus uns rausprügeln sollten. Aber nach der ersten Show haben sie doch erkannt, wo wir herkommen und dass wir eigentlich zur Familie gehörten. Es gibt so viel schottische Kultur in Kanada, unglaublich viel. Einer der längsten Flüsse der Welt heißt bekanntermaßen McKenzie River und er verläuft durch das nördliche British Columbia und fließt schließlich in den Fraser, was auch ein schottischer Name ist… Wir sind einfach überall, ich könnte dich unendlich lange damit langweilen.
S.: Oh, schon OK. (räusper, grins…) Ich habe einmal ein schottisches Mädel kennen gelernt, habe aber wegen des beinharten Akzents kaum ein Word verstanden. Verstehst du als kanadischstämmiger Schotte jedes Wort?
P.: Ja, weil meine Großeltern und meine Eltern mir beigebracht haben so zu sprechen, obwohl ich normalerweise nicht so spreche. (S.: Gottseidank!) Aber es kann schon mal vorkommen, dass ich anfange Gälisch zu sprechen, wenn ich echt betrunken bin. Da gibt´s ne kleine witzige Anekdote zu: Als ich mal ne Zeit lang in Seattle, Washington wohnte, dachten meine Freunde, ich würde total schnatterich sprechen, aber dann erkannte einer, dass es Gälisch war und sie besorgten sich so ein kleines Wörterbuch um mich zu verstehen…hehe…
S.: Sag mal was gälisches!
P.: (Fängt zu meiner Belustigung an, irgendwas in gälisch zu schnattern)
S.: (als ich mich wieder eingekriegt habe) Aber mal im Ernst. Ihr seid offensichtlich stolz auf eure Herkunft. Was denkst du über Patriotismus?
P.: Ich denke, dass es da verschiedene Stufen gibt. Patriotismus auf der einen Seite ist wie orange und Nationalismus auf der anderen befindet sich schon im roten Bereich und ist alarmierend. Und man muss sich fragen – wo fängt es an, wo hört es auf. Meiner Meinung nach werden viele Dinge besser, wenn du auf dein Milieu stolz sein kannst und einfach die guten Dinge mitnimmst, egal woher du kommst. Viele Leute haben einfach nicht die Möglichkeit, zu tun was ich tue – ich reise durch die ganze Welt und sehe all die verschiedenen Leute mit verschiedenen Hautfarben, verschiedene Regierungen usw. Und wenn die Dinge außer Kontrolle geraten (wie z.B. das, was gerade in Nord Amerika passiert – und ich denke, wir wissen alle, wovon ich spreche), dann sehe ich das wie eine Krankheit. Ich weiß nicht, warum die Leute nicht einfach miteinander auskommen können. Und ich bin wirklich angepisst von den Typen, die sich Diplomaten schimpfen, aber eigentlich nichts weiter sind als verdammte Faschisten. Sie sind Diplomaten, also warum zum Teufel verhalten sie sich nicht diplomatisch und machen ihren verdammten Job, genau wie ich meinen mache. Aber Patriotismus wie ich das sehe ist, wenn eben diese Scheiße außer Kontrolle gerät. Es ist beängstigend und ich hasse es! Und ich denke, ich kann da für die ganze Band sprechen. Ich persönlich habe meine Hochs und Tiefs wie jeder andere auch aber ich bleibe meiner Überzeugung treu. Und – die Sache ist die – ich bin bereit, dafür zu sterben! Sind sie es auch?…
S.: Wenn ihr Schottland und eure Herkunft so sehr liebt, wieso lebt ihr dann nicht da?
P.: Wieso lebe ich nicht in Kanada? Es ist nur meine Postadresse. Da drüben steht ein blauer Truck und da lebe ich. Ich bin on the road und wir haben so ein hartes Tourprogramm, dass ich mir einfach ein Postfach irgendwo zulegen werde.
S.: Die McKenzies gibt es seit 1992, also seit ihr schon seit 11 Jahren zusammen unterwegs?
P.: (staunend) Wow, elf Jahre…
S.: Ja, wow, eine echt lange Zeit….
P.: Schon komisch, wie die Zeit vergeht, wenn du Spass hast.
S.: Jetzt zu der Frage, die ich schon immer mal einem „Schotten“ stellen wollte: Wie steht´s mit dem Vorurteil, dass Schotten geizig sind?
P.: Lass dir gesagt sein, dass es in diesen Tagen der politischen Correctness immer irgendwelche Leute gibt, die mit erhobenem Zeigefinger aufstehen und sagen: blah blah blah. Aber weder die Schotten noch die Iren geben einen Scheiß darauf. Es gibt viele solcher Vorurteile, die man aber nicht ernst nehmen kann und über die wir einfach nur lachen. Ich bin Schotte. Ich bin sparsam. Ich will nichts verschwendet sehen. Aber ich bin nicht geizig! Ich denke, das ist, was die Leute verwirrt. Und ich werfe nichts weg. Ich produziere sehr wenig Müll, weil ich alles irgendwie gebrauchen kann…aber ich werde diese Flasche hier in den Müll werfen, wenn sie leer ist, you know what I mean? (S.:äh…lächeln, nicken…) Wenn wir über Großzügigkeit reden, dann gibt es in Schottland etwas, das sich „highland hospitality“ nennt. Wegen dem rauen Wetter war es früher gesetzlich festgelegt, dass wenn jemand an deine Tür klopfte, du ihn reinlassen und dich um ihn kümmern musstest. Aber ich denke, so was wäre auch ohne Gesetz passiert, denn die Schotten sind einfach fürsorgliche Leute. Ich meine, natürlich gibt es überall Arschlöcher, aber ich bewege mich in Punkrockkreisen auf der ganzen Welt und zu meinem Glück gibt es da ziemlich wenig Arschlöcher. Jeder ist wirklich wirklich verdammt cool.
S.: Hast du jemals mit Shane McGowan rumgehangen?
P.: Ich hatte einen Gig mit Shane und alles was ich sagen kann, ist, dass ich mich über einige Dinge, die Shane getan hat, ziemlich aufgeregt habe. Allerdings ist es echt traurig mit anzusehen, wie sich so ein genialer Künstler selbst zugrunde richtet. Es ist herzzerreißend! Wirklich schlimm, obwohl die Band exzellent ist. Ich sage, was ich denke, you know, und ich würde diesem Motherfucker liebend gerne in den Arsch treten, ihn mit auf Tour nehmen und ihn gesund kriegen! Naja, und ich würde ihm ein paar verdammte Zähne besorgen, so dass er regelmäßig Nahrung aufnehmen kann. Das ist das, was ich tun würde, aber er würde es niemals zulassen. Ich habe einen immensen Respekt vor diesem Mann und es ist einfach so verdammt schade, dass sich dieser großartige Typ so kaputt macht. Und er wird sterben. Ganz sicher. Sinead O´Connor hat mal mit ihm gearbeitet und sie sagt dasselbe. Er gibt einfach einen Scheiß auf sich und das ist so traurig, weil ich viel von ihm halte, aber ihm nicht helfen kann, weil ich hier bin. Selbstmord hat viele Gesichter. Ob es eine Flasche oder eine Knarre ist, spielt keine Rolle. Und deshalb frage ich mich, (P. kommt ins philosophieren…)ob all diese exzessiven, selbst zerstörerischen Individuen aufgrund eben dieser Einstellung zu Genies werden. Sieh dir z.B. all die toten Rockstars an, die viel zu jung starben: Buddy Holly, Eddie Cochran…Dann sehe ich auf mich und ich bin alt, zu alt um jung zu sterben, aber ich habe diese Einstellung immer beibehalten. Aus diesem Grund haben wir auch den Song „Droppin´ like Flies“ für all die toten Rockstars geschrieben, denn sie waren alle Punkrocker ihrer Zeit!
S.: Was denkst du über Filme, wie „Braveheart“ oder „Trainspotting“?
P.: Ich denke, „Braveheart“ gibt den Leuten eine Einblick in die schottische Geschichte. Die Engländer haben Schottland ethisch gesäubert und was sie den Frauen und Kindern dort angetan haben, bricht mir das Herz.
S.: Bei dem Film musste ich so oft heulen!
P.: In dem Lied „The Night The Lights Went Out In Scotland“ heißt es: “I´m not laying the blame on anyone alive today, but the crimes that lie in history shout about the night the lights went out in scotland!” (S.: Klingt im Original immer besser!) Und das nimmt halt Bezug darauf. Ich zeige nicht mit dem Finger auf irgendwen, aber ich will, dass die Leute niemals vergessen, was passiert ist. Und wenn die Zeit kommt, dann sage „Nein“! Und wenn du es rausschreien musst, dann schreie eben „Nein!“. Aber wenn dich „Braveheart“ bewegt, dann lass mich dir sagen, dass es da so viele bessere, wahre Geschichten gibt. Die echte Geschichte ist sowieso am Besten, auch wenn sie mit dem Film einen recht guten Job gemacht haben. Wenn es um Filme geht, mag ich Hollywood nicht besonders. Es geht nur darum: Was sich verkaufen lässt, wird auch produziert! Es hat mich ziemlich überrascht, dass sie überhaupt einen Film wie „Braveheart“ gemacht haben. In Hollywood gibt es keine produktiven Drehbuchautoren mehr, nur noch Statisten. Und das ist Mist, denn Filme sind eine Art von Kunst und sobald die kommerzialisiert wird – sieh dir nur mal die kommerzielle Musik an – ist das Scheiße. Und Hollywood bewegt sich eben auf diesem Level. Deshalb sind meiner Meinung nach auch die meisten Hollywood Filme Scheiße.
S.: Und was hältst du dann von „Trainspotting“?
P.: Dieser Film ist für mich ein zweischneidiges Schwert, wegen dem ganzen Junkie Ding. Kids könnten sich den Film ansehen und sagen: „Wow, ich will auch in einer Toilette schwimmen!“ Und das ist eben eine Fehlinterpretation der eigentlichen Message. Aber ich habe das Buch gelesen und fand es ziemlich gut. Ich bin ein riesiger Irvine Welsh Fan und ich liebe den Soundtrack und die Art, wie der Film gedreht wurde usw., aber ich hasse dieses verdammte Junkie Ding! Ich hab´s niemals ausprobiert, aber ich hab viele Freunde dadurch verloren und es war eine schmerzhafte Erfahrung, zu sehen, wie die Leute daran zugrunde gingen und starben. Ich denke, „Trainspotting“ ist eigentlich ein anti-Junk Film. Das ist meine Interpretation und zwar, weil ich anti-Junk bin. Ich hab das Buch zweimal gelesen und es sagt einfach, wie es ist. Und die Schotten hatten ein riesen Problem damit. All diese eigensinnigen Kids, die nichts besseres zu tun haben, als das nachzumachen. Aber wenn du nichts hast und nicht weißt, wohin – wieso nicht?
S.: Naja, hierzulande sind die meisten Junkies keine Kids mehr, sondern eher gescheiterte Existenzen so um die 30-40…
P.: Unglaublich, dass sie die Scheiße noch nicht hinter sich gelassen haben!
S.: Also, ich denke, die machen das schon seit sie 20 sind…
P.: Wenn du mal drüber nachdenkst – und das habe ich getan – also wenn du deine Glückssensoren überstrapazierst (und wir sind ja alle nur Kinder Gottes) dann brennen sie einfach aus. Und wer will schon so verdammt ausgebrannt sein? Dafür hab ich einfach zu viel Spaß! Ich bin eben ein Bier trinkender Punkrocker.
S.: Hey, dieses Ausbrennen erinnert mich an einen dieser Hollywood Filme („Highlander“), wo der Böse irgendwann sagt: „Es ist besser auszubrennen, als zu verblassen!“
(Gelächter…)
S.: Matt ist ja gerade nicht anwesend, aber weißt du, wie lange es dauert, Dudelsack spielen zu lernen?
P.: Naja, ich spiele ja nicht selber, aber ich kann für viele Dudelsackspieler sprechen, denn ich hab schon mit vielen vielen zusammengearbeitet, seit ich ein Real McKenzie bin. Das Dudelsackspielen hat einen militärischen Hintergrund und so werden die Jungs auch trainiert. Und sie stehen in harter Konkurrenz zueinander. Wenn du dir z.B. Matt und jemanden wie Spicy McHaggis ansiehst, könnte man sie mit zwei Katzen vergleichen: Grrrrrrrrrrrrrr….! Aber das liegt eben in der Natur der Sache. Es ist altertümlich. Vieles der schottischen Geschichte wurde so bewahrt, denn nach der Schlacht von Culedon (?) war alles schottische illegal. Wenn du nur mit einem kleinen Stück Schottenkaro erwischt wurdest, konnte dir dafür der Kopf abgeschlagen werden. So war das Gesetz damals und es war schrecklich. Die Engländer wollten die schottische Kultur zerschlagen und es ist eine interessante Tatsache, dass so viel davon in Pebragh (?) eingeflossen ist. Pebragh ist eine Art singender Dudelsacksound, der sich heute nicht mehr wegdenken lässt und es ist sehr wichtig für uns diese Musik zu machen.
S.: War es sehr schwierig, einen Punkrock-Dudelsackspieler zu finden?
P.: Schon komisch, dass du das fragst. Als wir angefangen haben, unser Ding zu machen, wussten wir, sie würden uns finden. Ich habe von Matt gehört, als wir gerade durch Winnipeg unterwegs waren. Ich tätigte ein paar Anrufe und sagte ihm, er soll sich die Show ansehen und dann hat es ihn einfach gepackt – man könnte auch sagen, wir haben ihn einfach gepackt und jetzt ist er hier. Damals hatte er einen riesen Iro, Piercings – und war nicht gerade der beste Spieler, den man sich vorstellen konnte… Aber um noch mal auf den militärischen Hintergrund zu kommen – viele von diesen Jungs sind echt cool und ich liebe sie wirklich, aber sie gehören einfach nach Hause und nicht auf Tour. Ich muss meinen Hut vor Matt ziehen, denn er hat Frau und Kind zu Hause und das ist ziemlich hart für ihn. (S.: jaja, aber bestimmt nicht für all seine weiblichen Fans…) Jedenfalls unterstützen sie ihn nach vollen Kräften und ich hätte keinen besseren Dudelsackspieler finden können.
S.: Und wie lange spielt er schon mit euch?
P.: Ein paar Jahre und es ist großartig, weil er mittlerweile scheiße gut geworden ist. Ich habe schon mit vielen Musikern zusammengearbeitet und du kannst zwar an deinem Instrument feilen um besser zu werden, aber wenn dein Charakter nicht stimmt, nutzt das alles nichts. Ich spiele lieber mit coolen Leuten zusammen und gebe ihnen die Möglichkeit, bessere Musiker zu werden, als mit jemandem zu arbeiten, der zwar begnadet ist, aber ansonsten ein Arschloch! Ich denke, du weißt, was ich meine. Es ist einfach unmöglich mit so jemandem 8-9 Monate im Jahr auf Tour zu gehen.
S.: Anderes Thema: Wie kamt ihr eigentlich zu Plastic Bomb Records?
P.: Wir haben die Jungs vom P.B. durch Mutti kennen gelernt, als wir zum ersten Mal hier auf Tour waren. Wir verstanden uns auf Anhieb ganz gut und arbeiteten einen Deal aus. Das hat damals funktioniert und das tut es auch noch heute. Etwas, das mir an dem Vertrag besonders gut gefallen hat, war die Klausel, dass wir versprechen mussten, niemals schlecht über den anderen zu reden und Freunde zu sein.
S.: Naja, aber die Plastic Bomber sind dafür bekannt, dass sie öfter mal schlecht über andere reden. Manche haben´s verdient, manche nicht…
P.: Über uns lästern sie nicht, denn das wäre ja Vertragsbruch! Ich bin zwar nicht oft hier, aber wenn, dann sind sie immer OK.
S.: Klar, einen seltenen Gast behandelt man immer freundlich; speziell, wenn das vertraglich festgelegt ist…
P.: Also, wenn du in dem Geschäft bist und mit allen möglichen Arten von Leuten zu tun hast, gibt es immer Meinungsverschiedenheiten. Aber ich bin froh, in dem Geschäft zu sein und mich nicht oft mit so was rumschlagen zu müssen. Ich bin nach der Show gerne am Merch-Stand, unterhalte mich mit den Kids und unterschreibe Poster. Viele dieser Typen erinnern mich an mich selbst als ich ein Kiddie war. Ich lief damals (1976) von zu Hause weg und machte mich auf den Weg nach Texas um die Sex Pistols zu sehen und als ich sie treffen wollte waren sie so verdammt blasiert, dass ich mir geschworen habe, niemals so zu werden – und das bin ich auch nicht. Da waren gerade z.B. diese drei kleinen Punkrockmädels und ich fragte sie: „Hey, kommt ihr zu unserer Show?“ Und sie sagten: „Nee, zu teuer!“, also hab ich sie auf die Gästeliste gesetzt und sie sind reingekommen. Sie sind eben genau wie ich ´76 gewesen bin und das vergesse ich nie!
S.: Ich hab die Pistols auch mal gesehen, aber das war 20 Jahre später und sie waren einfach nur scheiße!
P.: Sie sind zwar großartige Musiker, aber meiner Meinung nach sind sie einfach nur verdammte Arschlöcher.
S.: Dem kann ich nur zustimmen. Äh, nun zu einem Thema, zu dem ihr bestimmt recht selten befragt werdet: Der Kilt. Trägst du ihn eher aus traditionellen Gründen oder der Bequemlichkeit wegen?
P.: Wie du sehen kannst, bin ich im Moment fast der einzige in der Band, der einen Kilt trägt. Aber bei diesem Wetter liebe ich es! Man sagt, kühl im Sommer, warm im Winter. Wenn du im Sommer auf eine bestimmte damit rumläufst, kannst du die Falten wie einen Blasebalg benutzen. Ich trage meinen Kilt, weil ich einfach verdammt gut darin aussehe und weil ich das Muster der McKenzies liebe. Ich bin damit groß geworden! Ja, ich wuchs auf, eingewickelt in diesen Tartan. Obwohl, wenn ich meinen Kilt als Junge getragen hätte, dann hätten mich die anderen Jungs bestimmt verprügelt. Ich denke, ich wurde von meinen Eltern damit gequält. Heute gefällt es mir einfach. Wusstest du eigentlich, dass die Franzosen die Hose erfunden haben? Deine gefällt mir übrigens sehr gut.
S.: Charmeur! Aber auch, wenn ich lieber Hosen als Röcke trage, mag ich trotzdem keine Franz(h)osen.
P.: Weißt du, Frankreich ist echt schön, nur schade, dass es da so viele Franzosen gibt… Nein, ich hab auch schon wirklich nette Franzosen getroffen, aber das waren alles Punkrocker.
S.: Glaube ich dir sofort, aber wenn du z.B. in Paris bist und jemanden in Englisch oder Deutsch nach dem Weg fragst, von dem du gerade mitbekommen hast, dass er einer der beiden Sprachen mächtig ist, dann versteht er plötzlich kein Wort mehr. Sehr unfreundlich!
P.: Sie sind rassistisch in Bezug auf deutsche und sie sind Arschlöcher. Aber das bringt uns wieder zurück zu diesem patriotisch nationalistischen Zeug und da muss man einfach drüberstehen. Wenn die Welt und ihre Kultur weiterbestehen sollen, dann muss man einfach aufhören, so zu denken.
S.: Sehr richtig. Aber noch mal zurück zu den Kilts. Versuchen eigentlich viele Leute, mal unter den Rock zu grabschen? Speziell Betrunkene oder Mädels? Oder auch betrunkene Mädels?
P.: Also da gibt es jede Menge Zwischenfälle. Stell dir mal vor, du wärst ich. Und du müsstest diese Frage beantworten. Natürlich passiert so was. Aber wenn man respektvoll drunter schaut, dann ist es OK…und neckisch… Versuch´s mal!
S.: (lange habe ich auf diese Gelegenheit gewartet und ich bin nicht enttäuscht worden!) Ha ha! Cool, ein rasierter Sack. Kann mein Freund Bomber hier vielleicht ein Foto machen?
P.: Nein, es sei denn, du kannst ne Menge Asche locker machen. Meine Band hat Hunger!
S.: Mist, ich bin doch nur ein armes Schreiberlein! Fragen euch eigentlich viele Leute, was ihr drunter tragt?
P.: Ja, und eigentlich bleibt diese Frage nie unbeantwortet. Du musst bedenken, dass es nicht im traditionellen Sinne ist, etwas unter dem Kilt zu tragen. Wenn du es trotzdem machst, verspottest du damit die Tradition. Es interessiert mich dabei nicht, wie kalt es ist, aber manche Leute tragen lange Unterhosen drunter und einmal hat Matt in Stuttgart einem Jungen die Unterwäsche wie ein wild gewordener Rasenmäher vom Leib gerissen.
(Anmerkung von mir: Wenn das so ist, dann werd ich beim nächsten Konzert auf jeden Fall Kilt mit langen Unterhosen tragen!)
Dann kurze Pause, weil Matt mit einem kanadischen Joint auftaucht und ihn mir in die Hand drückt… Nachdem wir alle tief durchgeatmet haben, fängt Paul an, einen Mukkivergleich zwischen meinen und seinen Oberarmen zu ziehen, bei dem ich natürlich haushoch verliere.
P.: Fühl mal bei mir! (S.:haha…-huiuiui!) Das kommt davon, wenn man jeden Tag sein gesamtes Equipment selbst ein- und ausladen muss… aber das ist eben Punkrock!
S.: Ich persönlich bemühe mich ja, jede Art harter körperlicher Ertüchtigung zu vermeiden… Meistens jedenfalls… Aber um mal wieder auf den Punkt zu kommen: Steht ihr eigentlich jemals nüchtern auf der Bühne?
P.: Also – nein! Und obwohl ich manchmal keinen Alkohol trinke, macht mich alleine schon das Gefühl auf der Bühne zu stehen so high… Ich meine, glaubst du etwa, ich tue das des Geldes wegen? Nein, es ist einfach die Kombination von Alk (und wenn es nur ein kleines bisschen ist) und Adrenalin. Toxisch! Ab und zu kiff ich auch ein wenig, aber z.B. als wir die Band gerade gegründet haben, waren wir alle bei jedem Auftritt sturzbesoffen. Mittlerweile brauch ich das nicht mehr in dem Ausmaße, weil ich einfach diese Einstellung angenommen habe. Ich brauche auch keine chemischen Drogen mehr, weil ich das alles schon kenne und hinter mir habe. Dafür könnte ich den ganzen Tag lang Bier trinken. Ich glaube, dass jemand anderes, der so viel trinkt wie ich oder ein anderer aus der Band, schon ziemlich betrunken sein müsste…. Aber wir fühlen uns in Deutschland wie im Himmel, weil das Bier wirklich gut ist.
S.: Also, was ist eigentlich besser – deutsches oder schottisches Bier?
P.: Deutsches Bier ist das Beste in der ganzen verdammten Welt! Wusstest du das nicht??
S.: Wirklich?? Ich trink nicht so viel Beer…ich steh eher auf Cocktails!
P.: Glaub mir, ich war schon überall auf der Welt und habe alle möglichen Biersorten getestet. Das deutsche Reinheitsgebot ist das strengste Braugesetz der Welt und deshalb kannst du auch trinken und trinken und trinken, ohne das dir davon schlecht weil das Bier nicht gepanscht ist. (strahlt) Es ist einfach das verdammt beste Bier der Welt!
Tim: (wollte nur unter der Bedingung mitkommen, wenn er auch mal eine Frage stellen darf und jetzt ist der große Zeitpunkt gekommen): Hast du jemals auf Koks gefickt?
P.: Ob ich jemals auf Koks gefickt hab? Ja, aber eher selten. Meiner Philosophie nach hat alles seinen Grund. Jeder Mensch ist anders und es sollte jedem erlaubt sein, zu tun was er will. Jede Art von Unterdrückung ist ein Verbrechen und ich ficke auf jeder Droge, aber immer in Maßen und mit einem Grund, weil ich weder sterben, noch jemand anders verletzen will. (lacht) I don´t wanna fuck up and I wanna do it again!
S.: Hm, muss das irgendwann mal ausprobieren…
P.: Ich denke, das solltest du. Aber lass dir gesagt sein, dass auf Koks zu ficken erfahrungsgemäß… na ja, sagen wir, wenn du genug davon hast, und zuviel davon nimmst… spielt dein kleiner Freund nicht mehr mit… (untermalt seine Aussage mit sehr bildhaften Gesten) Und das ist dann einfach nur S-A-D.
S.: (grinst) Ich denke, mir ist leider niemand bekannt, der genug Kohle hat um so viel Koks zu kaufen…
P.: Deshalb mache ich´s auch nicht so oft. Und weil ich den Scheiß nicht brauche. Das Leben ist ein Lernprozess und ich bin immer noch hier. Wenn du auf die Schnauze fällst, aber trotzdem aus deinen Fehlern lernst, bist du nicht wirklich ein Loser. Obwohl man manchmal ganz schön hart auf die Schnauze fallen kann. Ich z.B. rauche nicht. Dann könnte ich nicht das machen, was ich mache. Niemals! Wie viel kosten die Dinger eigentlich heutzutage?
S.: 3 Euro 25 Cents.
P.: In England kostet ´ne Schachtel 6 Pfund.
S.: (seufz!) Ja, und nächstes Jahr hauen uns die Schweine noch nen Euro drauf.
P.: Und da raucht ihr noch??
S.: Manchmal fällt ´ne Stange vom Laster…
P.: Soll ich dir (als Schotte) mal was über Sparsamkeit verraten? Obwohl ich schon 42 bin, erinnere ich mich noch gut daran, als ich geraucht habe. Die Schachtel sollte damals einen Dollar kosten und ich hab gesagt: „Das ist zu viel!!!“ und hab aufgehört. (S.: Jaja, wenn es denn so einfach wäre…!“) Und wenn ich mir heute die ganzen Punkrocker ansehe, speziell die echten P C Freaks, die sagen: „keinen Pelz, kein Fleisch essen und blah blah blah“, die rauchen trotzdem Marlboro! Fick ´ne Ziege! Wenn sie ihre Überzeugung wirklich vertreten würden, wären sie nicht so schizo. Ich für meinen Teil bin überzeugt davon, dass die Zigaretten-Industrie die hinterhältigste der Welt ist.
S.: Ja, aber es ist eben nicht so einfach aufzuhören, gerade wenn jeder deiner Bekannten dir alle paar Sekunden ´ne Kippe anbietet, wenn du trinkst, feierst…ohne Qualm ist das einfach nicht das selbe.
P.: Aber dich wird verdammt noch mal ein schrecklicher Tod ereilen!
S.: Stimmt, aber das kann dir bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr auch passieren.
P.: Persönlich will ich nicht politisch korrekt werden, weil ich daran glaube, dass jeder machen soll, was er will, aber andererseits werde ich gezwungen passiv zu rauchen und das gefährdet meine Gesundheit. Aber hier bin ich nun mal und trete in europäischen Punkrock Läden auf. Dabei stehe ich auf der Bühne jedes Mal voll im Dunstschleier und atme den Dreck ein, wenn ich singe. Also bin ich technisch gesehen doch Raucher. Es ist, als wenn ich jeden Tag zwei verdammte Schachteln rauchen würde, obwohl ich eigentlich Nichtraucher bin.
S.: Ist es in Kanada eigentlich auch verboten, in den Clubs zu rauchen, wie in den USA?
P.: Ja, schade, dass das hier nicht so ist. Es macht den Leuten bewusster, dass sie rauchen und es ist auch sozialer, wenn alle gemeinsam draußen stehen und qualmen. Das schlimmste, als ich aufgehört habe zu rauchen, war, dass ich nicht wusste, wohin mit meinen Händen. Weil man mit ´ner Kippe in der Hand immer so rumgestikuliert und so… aber ich brauche keine verdammte Zigarette, ich habe einen Kugelschreiber! Außerdem glaube ich, dass die Zigaretten-Industrie heute mehr Suchstoffe in die Kippen packt, als früher. Denn es war für mich viel einfacher aufzuhören, als für einige meiner Freunde. Die sind einfach abhängig – und die wollen´s auch nicht anders! Aber hey, ich rauche schließlich Tabak mit Hasch…also schlag mich auch ans Kreuz!
Dann taucht plötzlich ein Bilderbuchgroupie auf und bittet Paul um ein Autogramm. (Kicher, Kicher…) Ich lasse die beiden alleine und bringe meinen Kram zum Auto. Als ich wiederkomme, scheint Paul nicht mehr wirklich angetan zu sein und bittet mich, ihn vor diesem Weib zu retten. (noch mehr Gekicher…) Die verzieht sich dann aber freiwillig und lässt zu allgemeinen Freude sogar ihr Bier stehen… War jedenfalls ein wirklich nettes Gespräch mit Paul und wenn die McKenzies mal wieder im Lande sein sollten, werden wir das auf jeden Fall fortführen! - Siggi